Glas ist der inspirierendste Werkstoff

Joris van den Hoogen (Wiel Arets Architects) im Interview
 
Redaktion: Herr van den Hoogen, das Büro Wiel Arets Architects verwendet viel Glas in seinen Projekten. Ist Glas das Material, mit dem Sie am liebsten arbeiten? Oder gibt es andere Materialien, andere Werkstoffe, die Sie mehr inspirieren?
 
Joris van den Hoogen: Nein. Es ist schon das Glas. Es bietet so viele Möglichkeiten, so viele Variationen der Verwendung. Es ist veränderbar im Aussehen oder auch darin, wie es sich anfühlt. Das kann noch weiter erforscht und ausgereizt werden. Natürlich haben wir auch Projekte, wo die Schwerpunkte auf etwas anderem liegen. Aber trotzdem: immer im Zusammenhang mit Glas. Da gibt es nicht wirklich viele Alternativen. Glas ist einfach ein zu wichtiges Material in der Architektur.
 
Redaktion: Sie arbeiten mit bedrucktem Glas, dann wieder mit glattem und aktuell mit strukturiertem Glas. Was gefällt Ihnen besonders?
 
J.v.d.H.: Bedrucktes Glas ist sehr interessant, denn es bietet gleichzeitig Transparenz und Lichtdurchlässigkeit, aber es ist von der Wirkung nicht so stark wie ein normales, transparentes Glas. So wird es eher als eine Schicht zwischen der Außen- und der Innenfassade genutzt. Strukturiertes Glas hingegen hat eine viel stärkere Wirkung. Zum Beispiel haben wir im Tokio-Haus gemustertes, durchsichtiges Glas als Fenster genutzt. Das war möglich, weil der Kunde es auf diese Art verwenden wollte.
Ich denke, der wichtigste Entscheidungsgrund von Architekten für oder gegen strukturiertes Glas ist – neben der Ästhetik – die Durchsichtigkeit, also die Frage: Kann oder muss ich hindurchsehen können? Durch strukturiertes Glas verlieren wir transparente Sicht. Ich mag an unserer Arbeit bei Wiel Arets Architects, dass wir versuchen, strukturiertes Glas lebendig in ein Gebäude einzubringen. Es wird z. B. in einem Gebäude eingesetzt und dann mit Farben kombiniert, es wird mit Reflektionen gespielt und den Winkeln, wie das Licht ins Gebäude fällt. Man muss schauen, wo es hineinpasst, welchen „Typ“ man einem Gebäude geben möchte. In einem Appartement-Komplex würde undurchsichtiges Glas wenig Sinn machen, bei einer Schule hingegen, wo nicht alles komplett durchsichtig sein muss, kann man mit dem Glas viele Akzente setzen und dem Gebäude eine Charakteristik geben.
 
Redaktion: In den von Ihnen entworfenen Gebäuden kommt häufig Gussglas zum Einsatz. Wie wählen Sie die Textur für ein Projekt aus?
 
J.v.d.H.: Man braucht immer Textur, da jede Fassade unterschiedliche Teile hat und diese eine Struktur benötigen. Dabei hat die Textur keinen symbolischen Wert, es geht eher darum, dass ein homogenes Bild entsteht, das sichtbar und fühlbar ist. Durch die Textur ergibt sich ein Muster, eine Wirkung, die einem Gebäude aus der Nähe und aus der Ferne ein unterschiedliches Aussehen gibt. So erhält das Gebäude seine Identität. Wie z. B. bei Backstein, wo sich unterschiedliche Muster und Flächen ergeben.
 
Redaktion: Wie entwickeln Sie die Strukturen?
 
J.v.d.H.: Wir arbeiten immer mit Spezialisten wie Paul Roman (Project & Product Manager, Saint-Gobain Glass Benelux), Menschen, die die Industrie kennen, das Produkt und dessen Möglichkeiten. Dann versuchen wir herauszufinden, wie es funktionieren könnte, wie wir es herstellen könnten. Dieser Dialog ist sehr wichtig. Beim Campus Hoogvliet z. B. war uns anfangs gar nicht bewusst, dass man Glas so verarbeiten kann und dieses Muster, das wir so im Kopf entwickelt hatten, tatsächlich herstellen kann. Dann landeten wir bei Saint-Gobain und bekamen die Möglichkeit, unsere Vorstellungen umzusetzen.
 
Redaktion: Wenn Sie für einen Auftrag etwas entwickeln, bieten Sie da gleich das besondere Muster oder Glas mit an? Haben Sie bereits die „magische“ Idee?
 
J.v.d.H.: Nein, das entwickelt sich im Laufe der Planung. Es ist selten schon am ersten Tag da. Es ist ein Design-Prozess, der sich weiter entwickelt. Wenn wir am ersten Tag schon sagen würden, wir haben da die Idee für ein besonderes Glas, das müssen wir komplett neu entwickeln, dann schreckt das den Kunden erst einmal ab oder lässt wenig Raum für weitere Entwicklungen. Der Kunde kommt ja zunächst mal mit dem Wunsch, eine neue Schule mit Klassenräumen zu bauen, in denen Lehrer ihre Kinder unterrichten können. Um dann am Ende eine Schule zu haben wie Campus Hoogvliet. Warum das alles zusammenpasst, warum die Fassade so ist, wie sie ist, und dass dies die Schule entsprechend widerspiegelt, das ist wie eine Storyline, die sich im Laufe der Arbeit entwickelt hat.
 
Redaktion: Hatten Sie bei der Entwicklung für das Design des Campus Hoogvliet ein klares Bild vor Augen oder haben Sie es einfach versucht, sozusagen im „trial-and-error“ Verfahren?
 
J.v.d.H.: Hier wussten wir, dass es Streifen sein sollten. Zuerst war es eine Zeichnung. Es sollte kein Muster werden, das irgendeinen Ursprung hat, ein Logo z.B., es war eher eine freie Herangehensweise, es hätte alles werden können. Um das Schulgebäude steht Roter Ahorn, von dem wir uns für die Muster inspirieren ließen. Wir übersetzten das Blatt des Baumes in ein Bild und aus diesem Bild bauten wir das Muster für die Linien. Stellen Sie sich vor, Sie schauen ganz nah auf ein Zeitungsbild und sehen die Punkte, aus denen sich das Bild zusammensetzt, und wenn sie es weiter weg halten, ergibt sich das ganze Bild. So haben wir das Muster der Blätter genutzt, die sich im Gesamtbild zu Linien im Glas zusammenfügen.
 
Redaktion: Gibt es bei ihren Entwürfen immer eine Verbindung zur Natur oder zu etwas Natürlichem?
 
J.v.d.H.: Ja, es ist immer etwas Natürliches, Reales, es ist immer ein Muster, das wir weiterentwickeln. Das ist sehr schön, denn es ist mit etwas sehr Positivem verbunden.
 
Redaktion: Wie lange dauert es von der ersten Idee bis zur Produktion, wenn Sie sich für ein Design entscheiden? Und bis Sie das fertige erste Muster in der Hand halten?
 
J.v.d.H.: Einige Monate. Vier Monate ungefähr. Wir haben eigentlich das erste Glas überhaupt so entwickelt für den Campus, zusammen mit Saint-Gobain in Mannheim. Ich war während der Vorproduktion dreimal im Werk, um zu verstehen, wie es funktioniert, und um die Idee weiter zu verbessern. Die Walze hat einen Umfang von 60 cm, so dass das Muster sich alle 60 cm wiederholt, jedoch kann man das Muster durch verschiedene Geschwindigkeiten der Anlage verändern, variieren und unregelmäßiger werden lassen. Mit der Produktionsanlage war eine Glasbreite von drei Metern möglich und keine zwölf Meter, wie wir eigentlich wollten. Ich habe einsehen müssen, dass man nur auf einer Seite drucken kann und nicht auf beiden. Man sieht vor Ort, was man bekommt und was produzierbar ist. Das ist sehr hilfreich.
 
Redaktion: Jetzt, wo Sie die Produktionsvorgänge kennen und mit Ihrer Erfahrung des Entwicklungsprozesses, was ist für Sie der nächste Schritt?
 
J.v.d.H.: Das ist eine interessante Frage. Wollen wir eine ganz neue Idee verfolgen oder wollen wir das Glas mit dem jetzigen Muster noch einmal in einem neuen Projekt verwerten? Es einfach anders verwenden oder nicht einfärben, anders kombinieren? Eigentlich versuchen wir immer zu vermeiden, den gleichen Weg zweimal zu gehen. Wir wollen uns immer weiterentwickeln und verändern. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass das transparente Glas interessant sein kann. Das haben wir im Campus ja gar nicht eingesetzt.
Aber ein neues Projekt, ein neues Gebäude startet ja nie mit dem genutzten Produkt. Wir sagen nicht, hey, wir haben da das tolle Relief-Glas, lass uns doch damit ein neues Projekt starten, wo wir es einbauen können. Deshalb sind immer zuerst die Ideen und das Konzept unserer Kunden da und dann schauen wir, was wir daraus machen können.
 
Redaktion: Wie kann man Ihrer Meinung nach den Architekten die Vorzüge der Anwendung und die Faszination von strukturiertem Glas nahebringen?
 
J.v.d.H.: Am besten zeigt man es ihnen und erklärt, wie es funktioniert. Daher ist es auch so interessant und wichtig, die Produktion zu besuchen und sich die Herstellung anzuschauen. Auch zu sehen, wie man sich das Glas zu eigen machen, es personalisieren kann. Die Herstellung, wie auch bei Beton oder Stahl, hat ihre eigene Logik, besonders beim strukturierten Glas ist die Vorgehensweise bzw. sind die Regeln sehr strikt. Aber innerhalb dieser Regeln kann man spielen, etwas entwickeln. Und indem man den Kunden, den Architekten die Möglichkeit gibt, den Prozess zu verstehen, können sie etwas ganz neues entwickeln.
Für mich beispielsweise geht es nicht nur um das Glas als Produkt, es ist die Möglichkeit, Dinge zu entwickeln, zu erforschen, auszuprobieren. Das ist wirklich sehr interessant und ein großer „Spaß-Faktor“ in unserer Arbeit. 
 
Redaktion: Herr van den Hoogen, wie danken Ihnen für das Gespräch.
 
 
 
Ansprechpartnerin für die Presse: Evamaria Nickel
 
Bildnachweise:
[Campus_Hoogvliet_17.jpg]
© Saint-Gobain Glass / Fotograf: Christoph Seelbach

Zurück zur Übersicht

Gussglas, Designglas in der Fassade, Fassadenglas